Von der Wahl der Qual

Gestatten: Leidenschaft

Im vergangenen Sommer war ich zum Finale der Tour de France in Paris. Hautnah konnte ich als Beobachterin an der Strecke erleben, wie die Rennfahrer nach mehr als 3000 Kilometern über Berg und Tal mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von um die 40 km/h ihre letzten Kraftreserven aktivierten und in jeder der acht Schlussrunden über die Champs Elysées nochmal schneller wurden – trotz so mancher Verletzung, die von bösen Stürzen zeugte. Als überaus unsportlichem Menschen fehlt mir jegliches Verständnis dafür, warum man sich so quälen kann. Ein Zuschauer neben mir brachte es auf den Punkt: „Il faut qu’on soit vraiment passioné“ - „Man muss eine echte Leidenschaft dafür haben“. Da war ich wieder an Bord. Leidenschaft ist mir nicht fremd:

Ich bin verrückt nach Mode, nach Harald Martensteins bissigen Kolumnen und den Küssen von meinem Freund. Von allem kann ich nicht genug bekommen. Doch bei aller Begeisterung und bei allem Dahinschmelzen: Würde ich mich dafür quälen? Und so komme ich nicht umhin zu fragen:

Was genau ist eigentlich Leidenschaft? Und: Muss sie immer mit Leid verbunden sein?

Laut Duden ist Leidenschaft ein „sich in emotionalem, vom Verstand nur schwer zu steuerndem Verhalten äußernder Gemütszustand (aus dem heraus etwas erstrebt, begehrt, ein Ziel verfolgt wird)“.

Erstes Merkmal: Die Emotion, die kraftvoll und drängend ist. Im Unterschied zur bloßen Begeisterung ist Leidenschaft ein Begehren, eine Gier nach etwas, ein „Unbedingt haben wollen“. Zweites Merkmal: Das Ziel, das gemeinhin auch als Quelle der Leidenschaft gesehen wird. Leidenschaft hat ein Ziel, ist gerichtet auf eine Person, Sache oder einen Zustand und die Hingabe dafür ist grenzenlos. Bisweilen macht sie blind für Risiken, die mit ihrer Verwirklichung einhergehen. Manchmal führt sie bis zur Selbstaufgabe. Auf jeden Fall aber verführt sie zur Grenzüberschreitung. Drittes Merkmal: Leidenschaft ist „unvernünftig“. Wider besseren Wissens riskieren in Leidenschaft entbrannte Menschen ihre Gesundheit (siehe oben die erwähnten Rennfahrer der Tour de France) oder die strafrechtliche Verfolgung. Der Mord aus Leidenschaft – die Literatur ist voll davon. Mit Vernunftargumenten ist dem Leidenschaftlichen nicht beizukommen. Vernunft kann Leidenschaft nicht beherrschen. Vielleicht soll Leidenschaft auch gar nicht beherrscht werden, sondern sich Bahn brechen, wo es ihr passt. Denn auch wenn Philosophen wie Kant sie als Krankheit oder Wahn bezeichnen: Sie gilt als Quelle immenser Schaffenskraft. Leidenschaft ist die Voraussetzung dafür, wirklich Außergewöhnliches bewerkstelligen zu können.

Gerade in diesem Wahnsinn, der viel Licht, aber auch viel Dunkel mit sich bringt, scheint die Brücke zu Leid und Qual zu liegen. Das passionierte Streben und Begehren ist immer auch ein Leidensweg. Sei es wegen der körperlichen Verausgabung, wegen der emotionalen Aufopferung oder, weil ein anderer zu Schaden kommt. Doch selbst, wenn all dies ausbleibt – spätestens am Ende der Leidenschaft steht Schmerz. Denn Leidenschaft lebt vom magischen Moment. Es gibt sie nur im Hier und Jetzt, nicht über den Moment hinaus. Leidenschaft ist geronnene lichte Gegenwart. Der Idealisierung zu Beginn folgt die Ernüchterung am Ende. Erfüllt sich die Leidenschaft, bleibt vom Rausch die wehmütige Erinnerung. Der Blick zurück auf die wunderbare Verklärung, das Benebelt-Sein, das so beflügelnd war. So gesehen ist Leidenschaft unweigerlich immer mit Leid verbunden.

Sollte man sie deshalb meiden? Auf gar keinen Fall, meine ich. Leidenschaft verschafft uns die hellsten Stunden in unserem Leben. Sie beflügelt und bewegt uns. Sie verführt uns zu Grenzübertretungen und zeigt uns, was möglich ist. Gestatten Sie sich Leidenschaft, denn Leidenschaft, inklusive der Qual, ist Leben.

Begrüßen Sie Ihre Leidenschaften freundlich, statt sie zu bekämpfen und fragen Sie sich, welche Seite vom Leben gerade mit diesem Begehren bereichert wird. Seien Sie unvernünftig. Seien Sie mutig. Riskieren Sie etwas. Erzählen Sie von Ihrer Leidenschaft. Stecken Sie andere damit an. Zeigen Sie sich menschlich, indem für etwas brennen. Und noch menschlicher, wenn Sie aus dem Wahn erwachen und leiden.

Was mich betrifft: Für Martenstein würde ich nicht morden und für Dior keine Diät machen. Was die anstehende Ernüchterung betrifft, so werde ich wohl damit leben können. Was die Küsse des Mannes in meinem Leben angeht, bin ich natürlich weniger entspannt. Ich hoffe doch, dass die Ernüchterung noch wahnsinnig lange auf sich warten lässt.  Aber eins steht fest: Wenn ich je an der Entzauberung leide, werde ich das ganz und gar leidenschaftlich tun.


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