Schönheit verpflichtet

Von tugendhafter Schönheit

Neulich bin ich abends beim Zappen durch das Fernsehprogramm bei einem Film hängen geblieben, der mit Fug und Recht zu den schlechtesten Filmen aller Zeiten gerechnet werden kann. In einer unsäglichen, unfreiwillig komischen Mischung aus Thriller und Agentenfilm wurden Stereotype bedient, die ich so gar nicht mehr auf dem Schirm hatte. Ein Frauenbild zu Schreien, ein Männerbild zum Fortlaufen, gar nicht subtiler Rassismus und nicht zuletzt die klischeehafte Besetzung von „den Guten“ mit - der 70er-Jahre Ästhetik entsprechend – schönen Menschen, von „den Bösen“ mit dem, was man beschönigend als Charakterdarsteller bezeichnen mag, denen die schlechte Maske den Rest gegeben hatte… Es war wie ein Unfall: Schrecklich anzuschauen, weggucken aber nicht möglich. Während ich, aus der Schockstarre erwacht, nach der Fernbedienung suchte, gingen mir etliche Fragen durch den Kopf: Wer, um Himmels Willen, hat sowas produziert? War das wirklich das Menschenbild in den 70ern? Warum strahlt man das heute noch aus? Ohne Triggerwarnung?! Vor allem aber: Kann es sein, dass es diese Klischees auch heute noch gibt? Und ist es sogar möglich, dass es wirklich einen Zusammenhang zwischen Attraktivität und sozialem Verhalten gibt?

Die Idee, dass Schönheit immer auch ein Merkmal des moralisch Guten ist, wird seit der Antike heiß diskutiert. Seither hat sich der Begriff der Schönheit weiterentwickelt. Von der Vorstellung von Schönheit als objektiver Eigenschaft über den Gedanken, dass Schönheit Ausdruck einer subjektiven Bewertung ist bis zur kompletten Infragestellung des Konzepts: All das sind Gedankenspiele eines vor allem philosophischen Diskurses. Im Alltag jedoch scheint die platonische Gleichung von „schön gleich gut gleich wahr“ noch immer zu gelten. Eingebrannt auf unsere Festplatten behauptet sich dieses Denkmuster immer wieder und wird z.B. in der oben beschriebenen Medienästhetik sichtbar, die scheinbar unausweichliche Klischees bedient. Die Bösen sind irgendwie hässlich, die Guten sind schön. Dummerweise gibt es Studien, die in die gleiche Kerbe hauen und diese Wahrnehmung bestätigen: Offenbar sind schöne Menschen aufgeschlossener, kontaktfreudiger und selbstbewusster. Sie zeigen seltener sozial abweichendes Verhalten und hübsche Kinder sind intelligenter als weniger attraktive.
Eine von vielen Erklärungen, warum die Schönen die besseren Menschen sein sollen, ist die der Self fulfilling prophecy. Auch hierzu gibt es eine Studie aus den 1960er Jahren. Darin wurden Lehrern – zufällig ausgewählt -angeblich besonders entwicklungsfähige Schüler genannt. Acht Monate später verzeichneten ebendiese Kinder mit dem vermeintlich hohen Potenzial tatsächlich einen deutlichen Anstieg ihrer Intelligenz. Es ist naheliegend, diesen Mechanismus auch auf Schönheit anzuwenden.
Grundsätzlich kann ich mit der Verknüpfung von äußerer und innerer Schönheit leben. Schwierig wird es für mich aber dort, wo dies nur noch in eine Richtung zu funktionieren scheint: Von außen nach innen.
Umso wichtiger erscheint mir deshalb ein Aspekt, den man vor lauter Schönheit glatt vergessen kann, weil er unbequem ist: Wo die Zuschreibung aufgrund äußerer Merkmale uns zu besseren Menschen machen soll, gewinnt der Umgang mit Schönheit eine ethische Dimension. Wenn das äußere Strahlen Rückschlüsse auf innere Werte zulassen soll, wird Schönheit zur Verpflichtung. Wir sind gefordert, uns zum äußeren Erscheinen anderer Menschen, aber auch zum eigenen Schön- oder Nicht schön-Sein zu verhalten und damit verantwortungsvoll, vielleicht sogar tugendhaft, umzugehen.
Zur Frage wird dann z.B., worauf wir uns im Leben verlassen. Dass unser gutes Aussehen schon dafür sorgen wird, dass es läuft? Oder dass wir sowieso keine Chance haben, weil wir nicht hübsch genug sind? Haben wir den Mut, uns von Fixierungen zu lösen? Das Verhältnis zur eigenen Schönheit und der der anderen zeigt sich in Haltung und Verhalten. Körperliche Schönheit ist jenseits der eigenen Leistung ungleich verteilt. Wie gehen wir mit dieser Ungerechtigkeit um? Ich finde, Schönheit verpflichtet. Zunächst einmal dazu, sich des Privilegs bewusst zu sein und sich dafür in Dankbarkeit zu üben. Und dazu, das gute Aussehen einzuordnen als eine zufällige Laune der Natur, die noch dazu vergänglich ist.
Schönheit verpflichtet auch die, die vielleicht neidvoll auf sie blicken, weil sie glauben, sie hätten zu wenig davon abbekommen. Dazu, sich nicht blenden zu lassen, sondern hinter die Fassaden zu schauen. Dazu, sich nicht klein zu machen, sondern sich im Leben zu entfalten.
Wenn es gelingt, Schönheit so als Tugend zu betrachten, öffnet sich die Verbindung von äußerer und innerer Schönheit in beide Richtungen. Wir können strahlen, von innen nach außen und umgekehrt. Und können nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich eine gute Figur zu machen.


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