Schöner leben

Von der Ästhetik des Alltags

Ich gehöre zu den Menschen, die das Müllrunterbringen gerne anderen überlassen. Trotzdem bin auch ich manchmal einfach dran. In der Regel eile ich dann früh morgens, bevor ich an den Schreibtisch gehe, mit dem Abfalleimer in der Hand durchs Treppenhaus. Drei Etagen runter und ganz fix wieder rauf. Oft mache ich nicht einmal Licht an. Die Stufen finde ich blind und meist bin ich ohnehin schon in Gedanken bei der Arbeit. Doch neulich morgens war das anders. Schon beim Öffnen unserer Wohnungstür strömte mir ein verführerischer Kaffeeduft entgegen. Im zweiten Stock war der Duft besonders intensiv und ich blieb eine Sekunde stehen, um zu schnuppern. Da fiel mein Blick auf das geschwungene Treppengeländer. Im Morgenlicht warf es wunderschöne Schatten. Und als ich das neben die Tonne gefallene Stück Pappe aufhob, sprangen mir die fein gemusterten Keramikfliesen ins Auge. Die drei Treppen stieg ich langsamer als sonst nach oben, aber genauso in Gedanken. Nur war ich diesmal nicht bei meiner To do-Liste, sondern bei der Frage, welche kleinen Wunder und Schönheiten wir im Alltag eigentlich übersehen. Und warum? Machen Routinen Schönheit kaputt? Und wie gelingt es, das Schöne im Vertrauten wiederzuentdecken?

Ich kann mich noch genau erinnern, wie begeistert ich war, als ich vor mehr als 15 Jahren auf der Suche nach einer Wohnung in Berlin zum ersten Mal diesen Hausflur betrat. Dass ich mich sofort in genau diese Schmuckfliesen, das geschnitzte Geländer und sogar den Kaffeeduft verliebt habe. Und irgendwie sind mir diese Dinge aus dem Blick geraten. Aus psychologischer und neurowissenschaftlicher Sicht ist das relativ simpel zu erklären:
Gewöhnung reduziert den Reizempfang. Routinen und automatisierte Handlungen senken die Empfänglichkeit für subtile Reize, denn das entlastet unser Gehirn und unser Hirn liebt den Energiesparmodus. Dazu kommt, dass wir ohnehin vor allem das aufnehmen, was wir als relevant einstufen – so z.B. unsere Ziele und Erwartungen, in meinem Fall mein erster Termin oder die To do-Liste. Und schließlich ist das, was wir täglich sehen, normal und vertraut und vermittelt eine Form von Sicherheit. Und die führt dazu, dass wir weniger stark kognitiv oder emotional aktiviert werden und schlicht weniger aufmerksam sind.
Leider finde ich das, was mein Hirn als bequem und entlastend schätzt ziemlich bedauerlich. Automatisierung mag vor Überforderung schützen, sie verengt aber auch das Blickfeld. Und mein Herz und meine Seele lieben die Weite. Ich genieße schöne Dinge und mag schöne Details. Schönheit ist für mein Leben definitiv relevant und ich möchte nicht, dass mein Gehirn sie einfach ausblendet, weil es sonst zu schmauchen beginnt. Ich möchte, dass es sich an schönen Dingen erquickt. Dass Schönheit eine Quelle der Inspiration ist, meine Phantasie beflügelt und mich mit Energie auflädt.
Ich schätze, ich werde etwas nachhelfen müssen, wenn ich auch die Schönheit der kleinen Dinge wahrnehmen möchte. Vertrautes und Alltägliches trägt meistens eine eher stille Schönheit. Die ist im Brausen der To dos und Termine leicht zu überhören. Wenn ich in meinem Hirn also Platz schaffen möchte für die Ästhetik des Alltags, werde ich wohl vor allem Ruhe schaffen müssen. Stille einkehren lassen, Innehalten, aufmerksam im Moment sein – das wird mir dabei helfen, die schönen Kleinigkeiten zu erleben. Ich stelle mir das so vor, dass ich gar nichts tun muss, außer still zu sein – dann kommt das Schöne von alleine auf mich zu, weil es einfach da ist.
Bewusst da sein statt automatisch handeln – dann wird der Alltag schön.
Aber wie schaffe ich Ruhe in einem Alltag, der eben nicht der Kontemplation gewidmet ist, sondern zu weiten Teilen einem Job mit Termin- und Leistungsdruck?
Einmal mehr schient Bewusstheit der Schlüssel zu sein: Hirnforscher sagen, dass die bewusste Gestaltung unseres Umfelds die Wahrnehmung unterstützt. Licht, Gerüche und Texturen können helfen, leichter im aktuellen Augenblick anzukommen. Bei mir hat an diesem magischen Morgen tatsächlich der Kaffeeduft gewirkt. Auch Rituale können die Aufmerksamkeit lenken. Kleine Veränderungen in gewohnten Abläufen. Vielleicht das Anzünden einer Kerze auf dem Schreibtisch oder der Duftlampe. Oder drei Atemzüge am offenen Fenster, bevor man sich an den Schreibtisch setzt.
Ich für meinen Teil bringe jetzt öfter als früher den Müll runter. Immer morgens vor dem ersten Termin. Aber neuerdings mache ich Licht. Und ich gehe langsamer. Mal sehen, was ich noch so alles im Hausflur entdecke.


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