Ohne Filter

Warum uns der Mut zur Hässlichkeit schön macht

Neulich bin ich beim Durchzappen des Fernsehprogramms über ein altes Video der Rockband Queen gestolpert. Fasziniert schaute ich Freddy Mercury dabei zu, wie er über die Bühne fegte und ein Stadion voller Fans in seinen Bann zog. Ich gestehe, mich hatte er auch. Nicht nur, weil ich die Musik von Queen mag und ihn für einen großartigen Sänger halte. Ich fand ihn sexy. Sehr sogar. Und ich kann kaum glauben, dass ich das sage, denn der gute Freddy ist eigentlich so gar nicht mein Typ. Aber offensichtlich geht es nicht nur mir so, sondern tausenden anderer Menschen auch. Freddy Mercury ist ein Paradebeispiel für den unter normschönen Gesichtspunkten unattraktiven Mann – Stichwort: prominente Vorderzähne unter Riesenschnauzer, von den unsäglichen Bühnenoutfits, die auch das letzte Brusthaar freilegen, ganz zu schweigen. Trotzdem kommt er unglaublich anziehend und schön rüber. Wie kann das sein? Während ich gebannt auf den Bildschirm starrte und im Takt der Musik mitwippte kam ich nicht umhin zu fragen: Warum spielen bei manchen Menschen die sogenannten Makel keine Rolle? Warum ist es uns so wichtig, schön zu sein? Und was ist überhaupt hässlich?

Um bei der letzten Frage anzufangen: Hässlichkeit ist das Gegenteil von Schönheit. Als hässlich werden daher in der Regel solche Merkmale bewertet, die nicht den gängigen gesellschaftlichen Schönheitsnormen entsprechen. Da diese wandelbar sind, ist Hässlichkeit es auch. Je nach Kontext kann die Vorstellung davon sehr unterschiedlich ausfallen. So wechselhaft die Definition des Hässlichen, so beständig scheint allerdings das Tabu der Hässlichkeit zu sein. Ich kenne niemanden, der gerne hässlich wäre. Alle wollen irgendwie schön sein und an Schönheit teilhaben. Mit interessanten Konsequenzen: Das Streben nach Schönheit und Perfektion nimmt stetig zu. Mittel und Wege, sich dem gängigen Schönheitsideal anzupassen werden ausgefeilter und trickreicher. Gleichzeitig wird eben dieses Schönheitsideal mehr und mehr hinterfragt und Gegenbilder zur Definition des Norm-Schönen entworfen. Die Bandbreite dessen, was als schön gilt, weitet sich. Das liest sich gut und klingt nach „Schönheit in Vielfalt“, bedeutet aber dennoch: Alles muss irgendwie schön sein. Hässlich zu sein – sprich: von der Norn abzuweichen – ist keine Option.
Ist Freddy Mercury also nur deshalb so attraktiv, weil wir den Begriff des Schönen ziemlich stark gedehnt haben? Neuer zeitlicher Kontext, neue Bandbreite von Schönheit, und schwupps, Freddys Zähne werden schön? Oder zumindest so „interessant“, dass das Paradox der Hässlichkeit greift? Hierbei handelt es sich um ein Phänomen, bei dem der ästhetische Reiz gerade in der Abweichung von der gängigen Norm liegt.
Ich glaube nicht. Vielmehr meine ich, dass die Attraktivität und Schönheit dieses Sängers woanders begründet liegen: In seinem Mut zur Unvollkommenheit und seiner unglaublichen Attitüde, die in einer Mischung aus Selbstbewusstsein und Zerbrechlichkeit bestand.
Es heißt, die Gesangs-Ikone habe auf eine Zahnkorrektur verzichtet, weil er glaubte, sie machten seine Stimme aus. Das bedeutet nicht unbedingt, dass er sich zwangsläufig von gängigen Schönheitsidealen verabschiedet hat. Aber er hat etwas anderes wichtiger genommen als seine Schönheit. Er hat - vielleicht zähneknirschend (pardon!) – sein Aussehen hingenommen, um sein unglaubliches Talent leben zu können. Und genau das macht schön. Diese Form von Selbstachtung und Selbstakzeptanz strahlt weit über jede Äußerlichkeit hinaus.
Freddy Mercury ist ein Beispiel dafür, dass äußerliche Unvollkommenheiten uns menschlich machen und Verbindung schaffen. Es mag sein, dass er eine Rolle gespielt hat. Auf jeden Fall hat er in dieser Rolle unglaublich authentisch gewirkt und sich für diese Rolle nur bedingt verkleidet. In einer Welt voller Filter und Inszenierungen ist dieser Mut zur Abweichung von der Norm nicht nur erfrischend, er ist nachgerade revolutionär.
Das ist anziehend, das macht attraktiv. Und es lädt dazu ein, nicht nur die eigenen Standards für Schönheit zu hinterfragen, sondern die Bedeutung von äußerlicher Attraktivität insgesamt neu ins Verhältnis zu setzen zu Dingen, die uns wichtig sind.
Wo es uns gelingt unser authentisches Ich zum Vorschein zu bringen und unser echtes Leben mit all unseren wahren Talenten zu leben, wird es schön. Jenseits aller Normen und ganz ohne Filter.


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