Eigentlich bin ich ganz anders?

Von Geschmack und Identität

Während ich das hier schreibe, sitze ich zwischen halb gepackten Umzugskisten und Bergen aus ausrangierten Gegenständen. Mein Mann und ich ziehen um. Wir verlassen unsere geräumige Berliner Altbauwohnung und ziehen nach Potsdam – aus Berliner Perspektive also aufs Land.
Raus aus einem quirligen Kiez mit „meiner Blumenfrau“ und „meinem Türken“, mit U- und S-Bahn vor der Tür und überhaupt allem, was man so für das tägliche Leben braucht. Rein ins Grüne, zwischen Wasser und Wald, in eine Wohnung mit Garten. Wo man tagsüber nur die Vögel piepsen hört und nachts nichts außer der Stille. Dafür sieht man den Sternenhimmel. Ich kann kaum glauben, dass das wirklich passiert. Nirgendwo war es so schön wie hier. Dieses Stadtviertel, diese Wohnung, das war immer so sehr ich. Diesen Ort aufzugeben fühlt sich ein wenig so an, als würde ich mich selbst verraten. Aber da ist diese andere Wohnung. Zufällig entdeckt und sofort zuhause gefühlt. Plötzlich mag ich bauhausige Elemente ebenso wie Jugendstildetails, gefällt mir ein grüner Garten besser als ein bunt bepflanzter Hinterhof. Und Abgeschiedenheit schätze ich neuerdings mindestens so sehr wie kurze Wege.
Während ich mich wundere über meine Geschmacksverschiebung, komme ich nicht umhin zu fragen:
Was sagt unsere Vorstellung von einer schönen Umgebung, einem schönen Zuhause, eigentlich über unsere Identität aus? Kann man vielleicht vom „Außen“ , vom Geschmack, auf das „Innen“ schließen?

Ganz spontan bin ich versucht zu sagen: Natürlich nicht. Denn der äußere Schein trügt nur zu oft. Nicht nur, weil Bilder gefaked sein können, sondern weil auch der Eindruck selbst schlicht falsch sein kann. Ein teures Auto zu besitzen kann auf Reichtum hindeuten, aber auch auf einen Berg Schulden. Wo viele Bücher im Regal stehen, wurden die zwar irgendwie erworben, aber nicht zwingend gelesen. Und bloß, weil es gerade unaufgeräumt ist, heißt das nicht, dass die Person immer chaotisch ist. Das, was wir von anderen sehen – ihr äußeres Erscheinungsbild und ihr unmittelbares Umfeld wie die Wohnung – ist oft reiner Zufall oder aber Teil einer Rolle, einer Inszenierung. Und inszeniert ist eben nicht echt. Oder doch?
Wenn ich auf das Konzept der „Place Identity“ schaue, muss ich sagen: Eher doch!
Demnach fungieren Räume nämlich als autobiografische Bühnen. Sie spiegeln, wer wir waren, wer wir sind und wer wir sein möchten. Räume sind so gesehen Teil unseres Selbstkonzepts und gerade die Inszenierung sagt eine Menge über uns aus.
Womit wir uns täglich umgeben zeigt, was uns wichtig ist und was nicht. Wie sehr wir uns gesellschaftlichen Normen anpassen oder davon abweichen, um unserer Besonderheit Ausdruck zu verleihen. Wieviel Raum wir buchstäblich Erinnerungen geben oder wie gut wir Altes loslassen können. Auf welche Weise wir es uns zuhause „schön machen“, spiegelt nicht nur, wie wir gesehen werden wollen, unser Selbstbild, das durchaus auch ein Idealbild sein kann. Es bildet auch unsere Werte und Orientierungen ab. Wo wir uns ästhetisch hingezogen fühlen, wo wir uns mit Vorstellungen und Ausdrucksformen von Schönheit identifizieren können, finden wir also immer auch ein Stück unserer Identität.
Bedeutet das im Umkehrschluss, dass unsere Identität sich mit jeder Veränderung unseres Geschmacks wandelt? Nach dem Motto: Neuer Geschmack, neuer Mensch? Werde ich am neuen Wohnort, in einer Umgebung, die mir plötzlich viel besser gefällt als mein aktuelles Umfeld, noch dieselbe sein wie die, die ich heute bin? Ja und nein.
Geschmack ist wandelbar, er kann sich ändern, zum Beispiel beim Wechsel von Rollen, durch Interaktion und als Reaktion auf die Frage nach Zugehörigkeit. Wertigkeiten verschieben sich, weil wir uns als Menschen weiterentwickeln. Und so steht mit der Geschmacksveränderung auch das Selbstkonzept zur Diskussion. Der Geschmackswandel ist dann der Katalysator für die Entwicklung des Selbst. Das bedeutet nicht, dass man ab morgen ganz anders sein muss. Manchmal heißt es einfach, dass das Außen eine Veränderung erfahren muss, damit das Innen sich treu bleiben kann.
Und so blicke ich viel entspannter auf das, was gerade passiert:
Ich gebe ein Außen auf mit dem ich mich sehr lange sehr stark identifiziert habe. Und ich habe mich weiterentwickelt. Das zeigt sich darin, dass ich mir ein Umfeld gesucht habe, an dem ich, wie es scheint, viel mehr ich selbst sein kann, als ich es bislang war. Und das sind gute Aussichten.


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