Mehr als schön

Von echter Eitelkeit

In meinem Bekanntenkreis gibt es eine junge Frau, die ist wunderschön. Vom unglaublich hübschen Gesicht mit ausdrucksvollen Augen, schön geschwungenen Lippen und beeindruckend makelloser Haut über herrlich volle Locken, das schöne Dekolleté, die schmale Taille und schön geformte Beine. Alles stimmt einfach. Aber nicht nur das. Sie ist auch noch warmherzig und klug. Umso überraschter war ich, als sie bei einem Gespräch neulich fallen ließ, dass ihre Lippen aufgespritzt, die Wimpern falsch und die neue, noch schlankere Silhouette Ozempic, also der angesagten Abnehmspritze zu verdanken sind. Nie hatte ich wahrgenommen, dass an ihr etwas „künstlich“ war. Vor allem aber war mir nie aufgefallen, wie wichtig für sie ihr Äußeres war.
Und wenn ich ehrlich bin, war ich Frauen, die „etwas haben machen lassen“ bis dato eher mit Vorbehalten begegnet. Ein bisschen oberflächlich, mit ein bisschen zu viel Geld, auf jeden Fall ziemlich eitel. Doch nichts von alledem traf auf sie zu. Und so dämmerte mir, dass ich nicht nur mein Vorurteil hinterfragen müsste, sondern das ganze Konzept von Eitelkeit. Führt sie nur zu Oberflächlichkeit? Oder macht Eitelkeit vielleicht doch schöner, als ich dachte? Ist sie möglicherweise sogar nützlich? Und wenn ja: Auf welche Weise?

Der Begriff „Eitelkeit“ ist oft mit einem schalen Beigeschmack behaftet. Er beschreibt das Bedürfnis, von anderen wahrgenommen und bewundert zu werden, oft verbunden mit einer ausgeprägten Sensibilität für das eigene Erscheinungsbild. Eitle Menschen suchen Bestätigung in den Augen ihrer Mitmenschen, sie wollen gefallen und als schön wahrgenommen werden. Damit gilt Eitelkeit unterm Strich als Zeichen von Selbstverliebtheit – ein Laster, keine Tugend. Meine Zuschreibung wird damit zwar nicht freundlicher, zumindest aber gewöhnlich.
Das Tückische daran: Grundsätzlich haben alle Menschen das Bedürfnis gesehen und wertgeschätzt zu werden. Eitelkeit ist bis zu einem gewissen Grad also normal, um nicht zu sagen: gesund. Das Bedürfnis, rein optisch gut anzukommen trägt dazu bei, auf sich zu achten, sich zu pflegen und sich nicht gehen zu lassen. Kosmetik, Fitness, Mode – mit ein wenig Invest kann man nicht nur der eigenen Selbstachtung Ausdruck verleihen, sondern auch anderen gegenüber Wertschätzung ausdrücken
Doch Eitelkeit verleiht nicht nur Glanz, sie wirft auch Schatten. Eitelkeit macht hässlich, wenn sie übertrieben wird, nicht nur äußerlich, vor allem innerlich. Wo das Streben nach äußerer Anerkennung überhandnimmt, bleibt wenig Raum für Authentizität und innere Verbindung. Wer nur im Außen stattfindet, ist buchstäblich hohl, bietet wenig, woran andere anknüpfen können. Der Anknüpfungspunkt ist aber das, was echte Schönheit ausmacht. Wahre Schönheit ist die, die relevant für unser Leben wird, weil sie unser Herz berührt. Damit das passiert, muss sie von innen kommen, unterfüttert sein von einem echten Ich.
Vielleicht liegt daher der Weg zu wahrer Schönheit darin, wirklich wir selber zu werden. Sich zu befreien von den Meinungen anderer. Unabhängig zu werden von der Sehnsucht nach Anerkennung. Frei zu werden von der Angst, nicht zu genügen. Stattdessen eine innere Zufriedenheit zu kultivieren. Denn das ist die Grundlage für echte Akzeptanz eines Gegenübers. Ich bin überzeugt, der Weg zu wahrer Schönheit liegt in einer Eitelkeit, die wirklich auf uns selbst schaut, auf unser Innerstes – nicht auf unsere Wirkung.

Und in diesem Sinne kann ich der jungen Frau nur sagen: Du bist schön. Nicht wegen Deiner Wimpern, sondern weil Du strahlst, wenn Du lachst. Wenn Du sprichst, hänge ich an Deinen Lippen. Nicht wegen ihrer schönen Form, sondern wegen Deiner klugen Worte. Und wenn ich Dich in den Arm nehme, fühlst Du Dich gut an. Nicht wegen acht Kilo mehr oder weniger, sondern weil ich spüre, wie Dein Herz schlägt.
Dein Außen ist wunderhübsch. Dein Innen noch schöner. Du solltest es eitel anerkennen und pflegen.


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