Als ich kürzlich auf der Suche nach einem passenden Bild für meine Website durch meine Fotomediathek surfte, blieb ich unvermittelt an ein paar Aufnahmen hängen. Fotos von schönen Landschaften, schönen Dörfern und Details. Erinnerungen stiegen in mir auf und ich bemerkte, was alle diese Fotos gemeinsam hatten: Sie waren auf kleinen Inseln entstanden. Ein verfallenes Gemäuer auf der Berliner Pfaueninsel, Blütenpracht auf der Fraueninsel im Chiemsee, endloser Kniepsand auf Amrum und der Hafen vom französischen Porquerolles. Ich bin kein Typ für Ausstiegsphantasien, bei diesen Bildern jedoch fühlte ich eine Sehnsucht. Kurze Zeit später schwärmte ein Nachbar beim Schwatz im Treppenhaus von seinem erholsamen Besuch auf Hallig Hooge. Und abends telefonierte ich mit einem Freund, der dieses Jahr endlich wieder an seinen Lieblingsort reist: Die äolische Insel Alicudi, so winzig, dass Eseltaxis das Gepäck der Touristen transportieren. Drei völlig unterschiedliche Menschen sind entzückt von kleinen Inseln. In aller Unterschiedlichkeit waren diese Orte einfach schön und verhießen großes Glück. Das konnte kein Zufall sein. Und so kam ich nicht umhin zu fragen, was es mit dem Glück der kleinen Inseln auf sich hat. Warum sind kleine Inseln so schön, dass sie zu Sehnsuchtsorten werden?
Auf den ersten Blick erscheint es sehr simpel: Kleine Inseln sind häufig entlegene Naturparadiese.
Sie bieten ungestörte Natur, Ruhe, Abgeschiedenheit. Alles Dinge, die beruhigend wirken und gemeinhin als schön erlebt werden.
Tatsächlich belegen jedoch unterschiedliche Studien, dass das Schöne am Kleinen unabhängig von Naturschönheiten in anderen Aspekten weitaus stärker verankert ist.
Allem voran: Kleine Inseln sind „abgeschlossen“ und in einer Art begrenzt, dass sie fassbar werden. Der kleine Ort ist schnell erkundet, räumliche Klarheit und Übersichtlichkeit erleichtern die Orientierung und vermitteln ein Gefühl von Sicherheit. Unser Gehirn findet das schön. Dazu kommt, dass es auf kleinen Inseln alles nur einmal gibt, zumindest fast. Der Krabbenfischer, die Eisdiele, das Café, der Strand. Reduktion und Einfachheit wirken entlastend und entspannend, nicht zuletzt, weil man von der Qual der Wahl befreit ist. Zugleich wird ohne Vergleichsmöglichkeit alles ganz besonders und zum Highlight, das nicht gejagt werden muss, sondern einfach da ist. Und: Dinge, Orte und Menschen fühlen sich rasch bekannt und vertraut an, Beziehungen werden schnell intensiv. Das Allerschönste scheint aber zu sein, dass kleine Inseln mit ihren Eigenarten in einem deutlichen Kontrast zu unserem sonstigen Leben stehen. Während unser Alltag oft geprägt ist von unübersichtlichen Zusammenhängen und komplexen Beziehungen, von langwierigen oder gar unfertigen Aufgaben und hoher Geschwindigkeit, erleben wir auf kleinen Inseln das Gegenteil: Das Leben erscheint übersichtlich, auf kurzen und einfachen Wegen sind Dinge selbst dann schnell zu erreichen, wenn man sich Zeit lässt. Das Leben ist dichter und vielmehr als Leben zu spüren. Und das ist wirklich schön. Wer also intensiv und schön leben will, ist tatsächlich irgendwie reif für die Insel.
Das Tolle ist: Wer einmal verstanden hat, welche Qualitäten der Schönheit kleiner Inseln zugrunde liegen, kann anfangen, sie im Alltag zu suchen. Dann wird die kleine Insel vom Punkt auf der Landkarte zum inneren Bestimmungort.
Kleine Inseln fördern durch ihre Begrenztheit und Einfachheit Ruhe, Klarheit und Verbundenheit. Sie sind Orte des Glücks, weil sie es leicht machen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Weil sie abgeschottet sind von Chaos und damit Raum bieten, zu sich selbst zu kommen.
Diese Qualitäten sind im Alltag zu finden, wenn wir anfangen, Grenzen zu setzen. Grenzen gegenüber Anfragen und Übergriffen von anderen, aber auch von uns selbst. Wenn wir uns in Stressmomenten zwei Minuten gönnen, um die nackten Füße ins Gras zu stellen und durchzuatmen. Wenn wir uns statt der Talkshow zu jüngsten politischen Entwicklungen die Stunde mehr Schlaf gönnen. Wenn wir unserer eigenen Unersättlichkeit ein Stoppschild aufstellen und auf das blicken, was schon da ist. Wenn wir anfangen, das Kleine wertzuschätzen. Den winzigen Fortschritt, das winzige Detail. Wenn wir die Jagd nach dem besten Schnäppchen aufgeben oder die Suche nach der perfekten Lösung und mit dem anfangen, was da ist. Wenn wir der betrübten Nachbarin eine Umarmung schenken statt 100 Likes auf Instagram verteilen. Dann kommen wir uns, dann kommen wir dem echten Leben Stück für Stück näher. Dann kreieren wir Inseln in uns, auf denen Leben aufbrechen und durchbrechen kann. Und das ist einfach schön.


