Seit einiger Zeit folge ich bei Instagram der US-amerikanischen Künstlerin und Autorin Gina Luker. Was irgendwann einmal als typischer DIY-Blog rund um den Umbau ihres Elternhauses gestartet wurde, hat sich inzwischen zu einer regelrechten Community entwickelt, in der es um Themen wie Selbstentwicklung, Heilung und Transformation geht. Ich mag den Account. Der Inhalt ist klar und aussagekräftig, alles ist liebevoll und ansprechend gestaltet. Balsam für Augen und Seele. Aber: Gina Luker erhebt auch als Aktivistin ihre Stimme. Offen übt sie Kritik an der Trump-Administration und gibt ganz konkrete Tipps, wie man in unruhigen und beunruhigenden Zeiten die Nerven behalten und Haltung zeigen kann. Und damit hat sie mich neulich wirklich gepackt. Während ich durch meine Timeline scrollte, stand da plötzlich: „Curating beauty is a rebellion“ – frei übersetzt: „Das Gestalten von Schönheit ist Rebellion.“ Und es gab noch mehr: „Beauty is an armor“ – Schönheit ist eine Rüstung. Ich spürte: Da ist was dran! Statt weiter zu scrollen, legt ich das Handy weg. Denn ich kam nicht umhin zu fragen: Wie genau kann Schönheit eine Form von Aufstand sein? Welchen Schutz kann sie bieten? Und welche Macht steckt eigentlich in ihr?
Schönheit ist eine Kategorie, die man als zwiespältig erleben kann. Was auf der einen Seite angenehm und inspirierend ist, hat spätestens, wenn es um körperliche Schönheit geht, jede Menge Haken. Von der Zuschreibung von Oberflächlichkeit über den Druck des Normschönen bis zum Vergleich mit Idealbildern und Fake-Schönem in den sozialen Medien: Auf den ersten Blick ist wenig Rebellisches oder Schützendes erkennen, im Gegenteil. Schönheit erscheint eher als potenzielles Werkzeug der Manipulation. Schönheitsideale steuern Konsumverhalten und schaffen gesellschaftliche Erwartungen. Als Mittel der Abgrenzung können sie soziale Ungleichheit verschärfen, indem sie bestimmte Gruppen marginalisieren.
Doch besonders beim Thema Schönheit lohnt sich der zweite Blick:
Das, was hier die Macht hat, ist im Grunde nicht die Schönheit als solche. Es ist die Norm, der wie auch immer definierte Standard und vor allem der Vergleich damit, der das Zeug hat, Druck zu erzeugen und klein zu halten. Schönheit ist dabei allenfalls das Mittel zum Zweck. Wenn Schönheit aber zum Entmachten genutzt werden kann, warum nicht auch zum Ermächtigen?
Allein die Erfahrung von ästhetischer Schönheit, sei es in Kunst, Musik oder Natur, kann inspirieren, Trost spenden oder das Gefühl von Verbundenheit vermitteln und damit eine echte Kraftquelle sein. Vor allem deshalb, weil der Fokus auf das Potenzial gerichtet ist. Auf das, was möglich ist, was geschaffen werden kann.
Das führt zum kreativen Prozess an sich, der mir eine oft unterschätzte Quelle von Macht zu sein scheint. Der Prozess des Gestaltens beginnt immer mit dem Innehalten und der Reflexion, einem Moment des Bei sich-Seins. Einem Funken, in dem quasi das Bewusstsein etwas zündet. Der kreative Akt der ästhetischen Gestaltung ist also eine Form von Selbstbestimmung. In seinem Ergebnis drückt sich nicht nur die Identität der kreativen Person aus, sondern wird auch Selbstwirksamkeit erfahrbar. Etwas Schönes zu schaffen ist ein Ausdruck von Schöpfung. Und das ist Macht in Reinform. Macht für etwas, nicht über etwas.
Und auch, wenn mancher Schaffensprozess eher weltabgewandt wirken mag, weil er über das Bei sich sein führt: In diesem Bei sich bleiben, Ruhig bleiben, Fokussieren – einer Form der Selbstermächtigung – wähne ich eine Kraftquelle, die auf lange Sicht auch gesellschaftliche und politische Wirkung entfalten kann. Schönheit ist ein Weg, Zugang zu dieser Quelle der Selbstermächtigung zu finden. Insofern ist Schönheit tatsächlich ein Schutzschild und das Schaffen von Schönheit ein potenzieller Akt von Rebellion.
Blumen in der Vase zu arrangieren wirkt erstmal nicht rebellisch. Wird es aber, wenn es dazu beiträgt, das Nervensystem zu beruhigen, gesund zu bleiben und insgesamt handlungsfähig.
Rebellion beginnt im Vertrauen auf die eigene Kraft. Sie beginnt mit Menschen, die bereit sind, für sich selber einzustehen. Die in einer Welt, die Kopf zu stehen scheint, die Nerven behalten. Die geerdet bleiben, mit beiden Beinen im Leben und mit dem Geist bei dem, was möglich ist. Mit den Füßen im Staub, mit dem Kopf in den Sternen gewissermaßen. Erfahrungen dafür wachsen im Kleinen. Wo man Chaos mit Ruhe begegnet, dem Lauten mit dem Leisen, dem Hässlichen mit dem Schönen.


