Das Tiffany in uns

Wie guter Stil unser Leben bereichert

Neulich war ich auf der Suche nach einem Geschenk für meine Tochter. Online hatte ich eine schöne Halskette entdeckt, die ich nun gerne ich echt anschauen und meine Tochter probieren lassen wollte. Also machten wir uns auf den Weg zum betreffenden Juwelier – und fanden uns in einem der schönsten Einkaufserlebnisse wieder, die wir je hatten. Nicht nur wegen all der kostbaren Schmuckstücke oder wegen des kunstvollen Interieurs, das uns umgab. Sondern weil alles, wirklich alles einfach unglaublich schön war. Von der Begrüßung an der Tür über die Erläuterungen zur Geschichte des Unternehmens, das familiäre Gespräch mit „unserem“ Verkäufer bis zum Bezahlvorgang badeten wir in gutem Stil. Und dieser Stil schien viel weniger im Design der Schmuckstücke zu liegen als im Auftritt, in der Begegnung mit uns als Kundinnen. Es fühlte sich unglaublich gut an. Damit Sie mich richtig verstehen: Ein Besuch beim Juwelier ist für mich nichts Alltägliches, die Welt der Reichen und Schönen nicht mein Parkett. Ich wollte einfach nur eine Halskette kaufen. Was ich bekam, war etwas ganz anderes: Es waren Antworten auf Fragen, die ich mir bis dahin nur am Rande gestellt hatte: Was genau ist eigentlich guter Stil? Wie kann er unser Leben bereichern? Und: Kann man Stil lernen?

Allgemein gilt Stil als charakteristische Art und Weise, in der z.B. in Kunst, Sprache oder Mode etwas ausgedrückt wird. So gesehen verfügen wir alle über unseren ganz persönlichen Stil und müssen gar nichts lernen, denn ständig drücken wir uns irgendwie aus. Gleichwohl gelingt es einigen deutlich besser als anderen, sich z.B. geschmackvoll zu kleiden oder geschliffen zu reden. Und so ist Stil eben nicht nur eine Frage des persönlichen Geschmacks, sondern auch ein Gespür für Ästhetik, das Wissen um die Wirkung von Farbe und Form und die Fähigkeit, Dinge passend zusammenzubringen. Diese „Technik“ kann man lernen. Stilfibeln liefern konkrete Hinweise. Dazu gehört z.B., dass Stil mit Liebe zum Detail zu tun hat, mit Genauigkeit und Gepflegtheit, aber auch mit einer gewissen Beiläufigkeit. Als besonders gelungen gilt es dann, wenn nicht mehr zu erkennen ist, mit welcher Mühe etwas gestaltet wurde, sondern wenn es ganz selbstverständlich und leicht daherkommt. Solcherlei Regeln und Prinzipen schleifen sich durch Übung ein. Doch das Risiko, dass auch bei größter Mühe alles zwar schön, am Ende dann aber doch nur gewollt und eben nicht gekonnt aussieht, ist groß.

Denn Stil ist mehr als eine Äußerlichkeit. Stil ist eine Äußerung, ein Statement sozusagen. Im Stil dringt in Bewusstheit nach außen, was im Inneren wirkt. So ist guter Stil viel mehr als die bloße Wertschätzung des Schönen. Er ist Zeichen eines Verlangens nach Schönheit, ein tief verwurzelter Ausdruck unserer innersten Sehnsüchte und Werte. Guter Stil ist immer authentisch. Und Authentizität kann man eben nicht imitieren oder durch Nachahmung lernen. Sie ist das Ergebnis einer tiefen Auseinandersetzung mit uns selbst und dem Mut, die gewonnenen Erkenntnisse nach außen zu tragen.
Bei alledem ist guter Stil weder selbstverliebt noch gefallsüchtig. Mein Besuch beim Juwelier hat mir gezeigt: Guter Stil ist unprätentiös. Er kann Schönheit gönnen. Er ist die freigiebige Einladung, die Schönheit in unserem Leben anzunehmen und sie mit anderen zu teilen.
Die Voraussetzung dafür ist, dass sich Stil nicht nur äußert, sondern auch aufnimmt. Er ist die Bereitschaft, Dinge in Tiefe wahrzunehmen, Impulse aufzunehmen, sie in etwas eigenes zu transformieren. Guter Stil überwältigt nicht, er nimmt herein - so wie unser Verkäufer. Er lädt uns ein, innezuhalten und die Schönheit um uns herum wahrzunehmen und Teil von ihr zu werden. Genau das bereichert uns. Es ist nicht der materielle Wert von Preziosen oder teurer Kleidung. Sondern das Sehen, Genießen und Teil von etwas sein dürfen. Guter Stil ist keine Frage des Geldes. Er ist Ausdruck von Reichtum - von innerem Reichtum.
Ja, man kann Stil lernen. Allerdings erfordert es mehr als das Aneignen von Wissen oder Techniken. Guter Stil gedeiht unter wohlwollenden, ermutigenden Blicken. Wo wir offen sind für neue Eindrücke, wo wir über unseren Tellerrand blicken. Wo Menschen und Dinge in Vielfalt zusammenkommen, wo sie bereit sind, sich selbst, der eigenen Kostbarkeit und der der anderen Ausdruck zu verleihen.
Das zu lernen kostet einiges, vor allem Mut. Aber es ist eine tolle Investition und macht am Ende wirklich reich.


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