Bei einem meiner letzten Besuche auf Sizilien habe ich das Monastero die Benedettini in Catania besucht. Und was soll ich sagen? Einmal mehr stockte mir der Atem angesichts der Schönheit, die diese Stadt zu bieten hat. Das ehemalige Benediktinerkloster ist Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Zwar macht dieses Label die Schönheit der Stätte durchaus erwartbar. Dennoch war ich überwältigt – und überrascht. Von der Verspieltheit der Fassade im sizilianischen Barock, vom erhabenen Treppenhaus, dem malerischen Kreuzgang und von der Tatsache, dass ein so besonderer Ort zugleich ein ganz alltäglicher sein kann. Denn der Komplex beherbergt auch Teile der Universität von Catania. Nicht nur Touristen besuchen diesen Ort. Studierende wie Lehrende gehen dort täglich ein und aus, verbringen an ihm Stunde um Stunde mit lernen, leben, arbeiten. Hörsäle, Bibliothek, Büros, alles strotzte von kunstvoller Architektur und kostbarer Dekoration, als wäre es einzig allein dafür geschaffen, Menschen zu inspirieren und die Seele zu erheben. Ich stellte mir vor wie es wäre, hier studieren zu können. Müssten sich an einem solchen Ort nicht Welten der Erkenntnis und Einsicht erschließen? Und so kam ich nicht umhin zu fragen: Welchen Einfluss hat eigentlich eine schöne Umgebung auf uns? Wie sehr prägt sie unser Gemüt? Und könnte es sein, dass sie uns sogar zu besseren Menschen macht?
Es ist sowohl intuitiv nachvollziehbar als auch in zahlreichen Studien belegt: Eine schöne Umgebung, Schönheit, Harmonie und Ordnung wirken sich positiv auf unser Wohlbefinden aus. Ein angenehmes, schönes Umfeld stimuliert die Sinne, inspiriert, macht kreativ. Es reduziert Stress, lässt Kranke schneller und mit weniger Schmerzmitteln genesen. Es steigert die kognitive Leistungsfähigkeit und macht produktiver. Vor diesem Hintergrund kommen der österreichische Designer Stefan Sagmeister und seine Kreativ-Partnerin Jessica Walsh in ihrer multimedialen Ausstellung „Beauty“ zu der Erkenntnis: das Schöne ist nicht nur ein Empfinden, eine Emotion, sondern auch eine Funktion. Schöne Dinge funktionieren oft verblüffend besser, an schönen Orten fühlen wir uns wohler. Wir leben besser - auch gesünder - und verhalten uns bewusster.
Tatsächlich verändert Sorgfalt bei der Gestaltung das Verhalten im Umgang mit dem betreffenden Objekt. Schöne Dinge werden pfleglicher behandelt und bekannt ist, dass an gepflegten, freundlich gestalteten Orten in Städten die Kriminalitätsraten sinken.
Interessanterweise sind sich Menschen dabei in ihrem Schönheitsempfinden viel ähnlicher, als angesichts der Aussage „Schönheit liegt im Auge des Betrachters“ zu vermuten steht. Es gibt Aspekte von Proportionen, Mustern und Farben, die durch alle Kulturen hinweg als schön gelten. So etwa der Goldene Schnitt, dessen mathematisches Grundprinzip gewissermaßen als Bauplan der Natur gilt. Und: Eine Studie mit Alzheimer-Patienten belegt, dass der Sinn für Schönheit selbst dann noch funktioniert, wenn die Funktionen des Gehirns schon schwer beschädigt sind. Das Verständnis für Schönheit scheint also zum Elementarsten des Menschen zu gehören.
Ganz offensichtlich signalisiert Schönheit unserem Gehirn Sicherheit und Verlässlichkeit. Angesichts des in Schönheit Erhabenen können wir entspannen, loslassen und uns einlassen auf Welten hinter unserer Welt oder auf das, was man auch Transzendenz nennen kann. Und all das scheint zutiefst Teil unseres menschlichen Wesens zu sein. Schönheit lässt unser Herz aufgehen und unsere Seele fliegen, weil sie uns nicht nur zeigt, was möglich ist, sondern wovon wir schon Teil sind. Beim Anblick, der Erfahrung von Schönheit docken wir im Innersten an den gemeinsamen Bauplan der Schöpfung an. Das tut gut, denn wir erleben uns als Teil eines größeren Ganzen. Nicht als irgendeinen, sondern als wertvollen Teil: Schön gestaltete Objekte, Räume, Städte sind ein Ausdruck von Wertschätzung für das Sein. Auf diese Weise sprechen sie auch ihren Nutzerinnen einen Wert zu.
Also: Eine schöne Umgebung macht etwas mit uns. Es lohnt sich, in sie zu investieren. Sie steigert nicht nur unser Wohlbefinden, sondern zeigt uns auch unseren Wert als Teil der Schöpfung. Ob sie uns zu besseren Menschen macht? Vielleicht ein wenig, wenn wir achtsamer mit den Dingen umgehen.
Auf jeden Fall aber hat sie das Zeug, uns zu „ganzeren“, tiefgründigeren Menschen zu machen. Weil sie unser Innerstes berührt und damit den Himmel für uns aufreißt.


