Als ich letztens mit meiner Tochter über mögliche Reiseziele für ihren Sommerurlaub plauderte, griff ich nach alten Fotoalben, um ihr zu zeigen, welche Gegenden ich in ihrem Alter bereist habe. Mit den Fotos kamen all die schönen Erinnerungen: Ich, als junge Frau, verschlafen auf der Fähre nach Oslo, lachend im Bikini am Strand von Elba, etwas schüchtern in der Lederjacke vom Veroneser Markt, küssend im Sonnenuntergang an der französischen Atlantikküste mit meiner Studentenliebe. Ich sah mich und fühlte mich. Mein Reisefieber von damals, meine Verliebtheit und vor allem meine Unsicherheit wegen meines Äußeren. Ganz genau erinnerte ich mich, wie wenig ich es damals mochte, fotografiert zu werden. Aus Sorge, nicht schön genug zu sein. Solange ich denken kann, hatte ich etwas an mir auszusetzen. Zu speckig hier, zu schwabbelig da, die Haare zu stumpf, die Lippen zu schmal, die Füße zu groß. Mit dem Blick von heute frage ich mich, was damals mein Problem war. Es war doch alles super. Auf den Bildern ist eine junge, hübsche Frau zu sehen. Vielen Menschen, besonders Frauen, so geht wie mir. Und ich komme nicht umhin zu fragen, warum das so ist. Weshalb fällt es uns oft so schwer, die eigene Schönheit zu sehen?
Das Einfachste wäre vermutlich, die Antwort auf diese Frage ins Außen zu verlagern und andere für die Misere verantwortlich zu machen. Tatsächlich ist es naheliegend festzustellen, dass die Medien, allen voran die unterschiedlichen Social-Media-Kanäle, ein Schönheitsideal propagieren, das schlicht nicht zu erreichen ist. Da wird getrickst, geposed, mit Filtern bearbeitet was das Zeug hält. Heraus kommen Bilder, die schön anzusehen, aber im wirklichen Leben nicht zu erzeugen sind. Wer sich permanent mit künstlicher Perfektion vergleicht, kann nur scheitern.
Doch neben der Vergleichsfalle gibt es auch die Moralfalle. Ist es überhaupt zulässig, sich selbst als schön zu bezeichnen? Sie fragen sich, wie ich auf diese Frage komme? Googlen Sie mal Eitelkeit und Todsünde und Sie wissen warum….. Im Ernst: Eitelkeit ist ein Laster, Demut eine Tugend. Wer von sich selbst als „schön“ redet, wirkt leicht unbescheiden. Gerät in Verdacht, tendenziell narzisstisch zu sein. Der Übergang zwischen gesunder Selbstliebe, die das eigene Äußere freundlich annimmt, und Selbstverliebtheit, kann fließend sein. Die Abgrenzung ist manchmal knifflig. Dazu kommt, dass insbesondere das christliche Verhältnis zur Schönheit ein Drahtseilakt ist. Einerseits ist Schönheit eine Gabe Gottes, andererseits ein minderes Gut. Wer also nicht abheben oder als hochmütig gelten möchte, hält den Ball sicherheitshalber flach.
Eigentlich aber glaube ich, dass die Schwierigkeit, uns im gegenwärtigen Moment als schön wahrzunehmen, Ausdruck einer Suche ist. Der Suche nach dem Wahren, das auch das Schöne und das Gute in uns ist. Auch wenn Kant die Verquickung von Schönem und Gutem aufgelöst hat - das klassische Ideal der Einheit von Schönem, Wahren und Guten sitzt tief. Es begegnet uns nicht nur in Hollywood-Schinken, sondern schlummert tief in unserem Inneren.
Wer sich nach dem harmonischen Dreiklang des Wahren, Schönen und Guten sehnt, setzt sich dem Risiko aus, einen Mangel zu fühlen. Ein Mangel, der kaum zu bedienen ist. Nicht nur, weil dieser von einem auf Konsum angelegten System angeheizt wird, das stetig neue Bedürfnisse kreiert. Sondern vor allem, weil es plötzlich nicht mehr nur um Schönheit geht, sondern um gleich drei mächtige Kategorien, die sich gegenseitig bedingen. Und die in ihrer Vielschichtigkeit schwer zu fassen sind.
Wenn man versucht, sie nicht nur eindimensional zu betrachten, ist Schönheit vielleicht nicht nur eine sinnliche Qualität des Körpers und reine Äußerlichkeit, sondern auch eine geistige Qualität. Das Gute ist vielleicht nicht nur das moralisch Richtige, sondern auch das gute Herz. Und das Wahre ist vielleicht nicht nur die objektive, empirisch belegbare Wahrheit, sondern die persönliche Wahrhaftigkeit. Wenn wir also zögern, uns für schön zu erklären, fragen wir uns vielleicht im tiefsten Herzen, wer wir wirklich sind und wie wir wirklich sind. Vielleicht sind wir unsicher, was unsere eigene Wahrheit ist. Und vielleicht sehnen wir uns danach, uns nicht nur in unserem Außen zu erkennen, sondern in unserer ganzen Tiefe und Vielschichtigkeit.
So gesehen finde ich es sehr logisch, sich erst im Rückblick ganz buchstäblich schön zu finden. Erkenntnisprozesse brauchen Raum und Zeit. Gleichzeitig werbe ich dafür, sich hin und wieder ganz oberflächlich auf einen liebens- und bewundernswerten Aspekt zu konzentrieren. Um sich schon im gegenwärtigen Moment ganz einfach schön zu finden. Und weil es so einfach schöner ist., Urlaubsfotos zu machen.
Vorheriger BeitragNächster Beitrag


