Ganz schön mysteriös

Vom Geheimnis der Schönheit

Neulich hatte ich einen kleinen Disput mit meinem Mann. Wir waren dabei, das Gästezimmer neu herzurichten. Ich wollte, dass es einfach schön wird. Mein Mann wollte das auch. Also rückten wir die Möbel umher, schmissen einen alten Sessel raus und einen anderen, viel älteren Sessel rein, wechselten Vorhänge aus, hängten Bilder auf, schmückten das Bett mit Kissen und einem edlen Überwurf und das Regal mit Kerzenleuchtern und hübschen Glasgefäßen. Alles wunderbar passend und geschmackvoll. Doch während mein Mann, vollauf zufrieden mit dem Ergebnis, laut darüber nachdachte, ob wir unser Schlafzimmer verlegen sollten, haderte ich irgendwie. Auf seine Frage, was mir denn missfiele, hatte ich keine Antwort. Alles gefiel mir. Das ganze Ensemble, war toll – aber es war eben noch nicht richtig schön. Mein Mann erklärte mich für bekloppt und die Umgestaltungsaktion für beendet, indem er demonstrativ das Werkzeug wegräumte. Ich setzte mich in den neuen alten Sessel und dachte nach. Warum war dieses so sorgsam gestaltete Zimmer noch nicht schön für mich? Was bedeutet „schön“ eigentlich für mich? Und was genau ist Schönheit überhaupt?

Der Begriff der Schönheit gehört vermutlich zu den unumgänglichsten und zugleich umstrittensten Begriffen der westlichen Kultur. Mir fällt kein Lebensbereich ein, in dem Schönheit keine Rolle spielt. Schönheit ist die Norm, die das Design von Kleidung und Gebrauchsgegenständen bestimmt, sie ist Statussymbol und Teil von sexuellem Kapital genauso wie Gegenstand einer diffusen Sehnsucht unzähliger Menschen, die bereit sind, dafür alle denkbaren Arten von Anstrengung zu unternehmen. Schönheit galt in der Kunst lange als das entscheidende Ziel kreativen Schaffens und in der Philosophie mindestens genauso lange als eine Note im Dreiklang des Wahren, Schönen und Guten. Die sog „Große Theorie“ erklärte Schönheit zur Eigenschaft von Objekten und versuchte objektive Kriterien für ihre Bestimmung zu definieren. Im 18. Jahrhundert ändert sich das. Schönheit war nicht länger Eigenschaft des Objekts, sondern subjektive Empfindung. Schönheit lag nunmehr im Auge des Betrachters. Seither schlägt das Pendel zwischen diesen zwei Positionen immer wieder aus, mal mehr in die eine, mal mehr in die andere Richtung. Gegen die Unveränderlichkeit und Absolutheit von Schönheit spricht, dass unterschiedliche Epochen und Kulturen immer wieder unterschiedliche Vorstellungen von Schönheit hervorgebracht haben. Gleichzeitig verweisen Schönheitsideale darauf, dass die Bewertung als „schön“ eben nicht ohne Weiteres dem Geschmack des Einzelnen überlassen bleibt, sondern an wie auch immer geartete allgemeine Kriterien geknüpft ist. Es wird nach wie vor gerungen um die Idee des Schönen. Universell und objektiv oder willkürlich und subjektiv? Eigenschaft oder Empfinden? Oder etwas ganz anderes? Was ist wirklich schön? Irgendwie bleibt Schönheit ein Geheimnis. Möglicherweise ist es genau das, was Schönheit ausmacht: Das Sowohl als auch von objektiver Eigenschaft und subjektivem Empfinden. Das Hin und Her zwischen wahrnehmendem Objekt und wahrgenommenen Subjekt. Dieses unergründliche Dazwischen, das es nur gibt, weil es sowohl das Eine als auch das Andere gibt und in dem eine Verbindung entsteht. Das mysteriöse, geheimnisvolle Je ne sais quoi, das eindeutig zu spüren, aber eben nicht zu beschreiben ist. Ich stelle mir vor, dass das seit Menschengedenken bestehende Interesse an Schönheit Ausdruck des menschlichen Bedürfnisses nach Verbindung ist. Dass das Streben nach Schönheit Zeichen unserer Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Geborgenheit in einem Feld ist, das immer da, uns aber eher selten wirklich bewusst ist. Von Schönheit fasziniert zu sein hieße dann, vom Leben fasziniert zu sein und vor allem: Bewusst zu sein. Schönheit würde ganz einfach und selbstverständlich zur Grundierung von Träumen, Wünschen, Lebenszielen und ganz konkreten Verhaltensweisen. Und schön wäre dann das, was Verbindung und Leben bewusster werden lässt.

Unser Gästezimmerprojekt ist inzwischen übrigens abgeschlossen. Ich habe ein altes Kissen meiner Großmutter auf den Sessel gelegt. Und nochmal ganz genau hingeschaut. Nun ist es einfach wirklich schön.


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